Kirchenkrise oder Krise des unterkomplexen Lösungsversuchs Hierarchie?

Unter PR-Aufmerksamkeitsgesichtspunkten hat die katholische Kirche gestern mal wieder einen Vogel abgeschossen: Man hat es zum Aufmacher in den Hauptnachrichten und zu einem Brennpunkt nach der 20-Uhr-Tagesschau gebracht. Beim Nachdenken über diesen Werbespot der etwas anderen Art beschäftigt mich eine Frage: Ist das, was dort im Zuge der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals offenbar wird, tatsächlich lediglich eine Kirchenkrise — oder gar nur eine Ansammlung persönlicher Verfehlungen? Für mich ist es vielmehr das Paradebeispiel des untauglichen Versuchs, komplexen Problemen mit einem unterkomplexen Lösungsversuch zu begegnen: einer durch Formalmacht legitimierten Hierarchie. Und damit auch die Krise eines Lösungsversuchs, der in vielen Unternehmen als Management praktiziert wird.

Hierarchie — ein Blick auf den Begriff

Mit einem Blick zu Wikipedia findet man den Ursprung des Begriffs Hierarchie: ein altgriechisches Wort, das übersetzt so viel bedeutet wie „Herrschaft des Heiligen“ und sich ursprünglich auf die Religion bezog. Herrschen bedeutet in der Konsequenz, Macht über andere ausüben bzw. ihr Verhalten auch gegen deren eigene Absichten beeinflussen zu können — in einer Systematik von Über- und Unterordnung.

An der Spitze steht also begriffsmäßig und in der katholischen Kirche lehrbuchmäßig etwas Heiliges, etwas in besonderer Weise Inspiriertes, das die Inspiration von oben nach unten durch die Organisation fließen lässt. Das entsprechende klassische Organigramm eines stab-linienorganisierten Unternehmens unterscheidet sich alles andere als zufällig kaum von dem der katholischen Kirche. Fun Fact: Die Vorurteile — oder auch Erfahrungswerte — gegenüber dem Controlling sind nicht selten eine Metapher auf die Glaubenskongregation der katholischen Kirche, deren Vorläufer die Heilige Inquisition war.

Die innere Logik des Systems

Wenn das Heilige ganz oben steht und seine Heiligkeit nach unten weitergibt, dann ist ein Irren oder Nicht-Wissen nur schwer vorstellbar — es würde die Legitimation der Macht gefährden. Also ist aus der inneren Logik eines solchen Systems nur zu verstehbar, dass das Verdecken von Problemen und des Scheiterns als systemerhaltende Methode genutzt wird. Gleichzeitig müssen Entscheidungen, je wichtiger sie eingeschätzt werden, folgerichtig auch immer weiter oben getroffen werden, um die Deutungshoheit zu erhalten. Welche Auswirkungen das in der katholischen Kirche hatte, ist gerade wieder beobachtbar.

Und in Unternehmen?

Dort beobachtet man laut der jährlichen Gallup-Studie fortlaufend große Anteile von Mitarbeitern in der inneren Kündigung und gestresste oder gar ausgebrannte Manager, die den vielfältigen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden können. In einer Welt, in der Wissen exponentiell wächst, Märkte sich extrem schnell verändern und viele Lösungswege plausibel erscheinen, ist die Idee von dem einen oder den wenigen Besten „da oben“ eine Hoffnung auf eine Lösung, die immer wieder enttäuscht wird.

Andere Lösungsversuche, die eine adäquatere Antwort auf zunehmend komplexe Probleme geben können — wie Selbstorganisation, agile Organisationsentwicklung — stellen viele der Sicherheit gebenden Gewissheiten in Frage. Also ist es auch hier nur nachvollziehbar, warum manches in Unternehmen so schwer und schwerfällig erscheint und letztlich viele tradierte Unternehmen scheitern, wenn sie ihre grundsätzliche Verfasstheit und Kultur von Führung und Zusammenarbeit nicht in Frage stellen — oder dies lediglich über noch mehr Kontrolle versuchen.

Welche selbstorganisierte, am „Markt“ tätige und dessen Stimme hörende Gemeinde hätte jenem Pfarrer H. weiterhin die Möglichkeiten gegeben, die ihm — und offenbar noch so vielen anderen — die Hierarchie anscheinend gegeben hat? Seien wir gespannt, wie sich der Lösungsversuch Hierarchie in welchem System auch immer in der Zukunft so schlägt.

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Tobias Dech

Tobias, Jg. 1976, Diplom-Pädagoge · Organisationsbegleitung, Coaching, Facilitation, Visualisierung

Tobias ist Experte für Ambivalenzmanagement — und einer der wenigen Berater, die Kampfkunst, Pädagogik und Humor in einen Raum bringen. Mit praxiserfahrenem Blick als Coach, Berater, Trainer und Mediator begleitet er Menschen und Organisationen auf ihrer Entwicklungsreise.

Was ihn auszeichnet: Er meistert Herausforderungen spielerisch — und macht durch Visualisierung sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt.