Und wenn Corona Arbeitsproduktivität und die Humanisierung der Arbeit versöhnen hilft …?

In Abwandlung eines berühmt-berüchtigten Motivationsspruchs, gemäß dem Leben am Ende der Komfortzone beginnt, könnte man sagen, dass vor allem Lernen am Rand der Komfortzone beginnt, weil man dort nahezu zwangsläufig neue Erfahrungen macht. Die aktuelle Situation ist einerseits geprägt von Leid, Ungemach und zahlreichen Anlässen zu auch existenzieller Sorge. Und andererseits sind wir gerade auch in einen riesengroßen Lernraum katapultiert — ein Lernraum, bei dessen Verlassen die Arbeitswelt vieler Menschen hoffentlich nicht mehr genau die gleiche sein wird wie vor einigen Wochen.

Ein kleines und feines Beispiel ist die plötzlich flächendeckend mögliche Nutzung des Home-Office oder besser: remote Work. Noch vor kurzem scheiterte vielfach die Arbeit zu Hause wahlweise an angeblichen technischen Restriktionen oder dem vorgeblichen Bedürfnis, die Menschen vor Selbstausbeutung zu schützen. Und nun stellt sich heraus, dass die Technik — nach erstem Überwinden von Anfangsfremdeln — gar kein Problem darstellt und die zwangsbeglückten Heimarbeiter ganz gut auf sich selbst aufpassen können sowie durchaus produktiv dabei sind. Womöglich stehen auch bei diesem Aspekt eher Themen wie Führungsverständnis, Menschenbild, Kontroll-Hybris und fehlendes Vertrauen im Weg als Technikherausforderungen.

Online-Workshops: Überraschende Beobachtungen

„Gezwungen“ durch den oben erwähnten Lernraum habe ich Kunden gewinnen können, sich auf das Experiment einzulassen, ursprünglich als Präsenzworkshops geplante Veranstaltungen kurzfristig mit räumlich verteilten Teilnehmern als Online-Workshops durchzuführen. Dabei konnten unter anderem diese — für viele überraschende — Beobachtungen gemacht werden:

  • Es wurde oftmals fokussierter gearbeitet als bei vielen Präsenzworkshops
  • Der Dialog zwischen den Teilnehmern konnte trotz räumlicher Entfernung sogar intensiviert werden
  • Die Teilnehmer haben vielfach geringere Hemmschwellen empfunden, sich mit Beiträgen einzubringen
  • Es ließen sich — unterstützt durch widerstandsbasierte Verfahren — gemeinsame Entscheidungen transparent und mit deutlich reduziertem Zeitaufwand treffen

Einige Hypothesen dazu

  • Die Fokussierung auf die Bildschirminhalte reduziert Ablenkungsmöglichkeiten
  • Die eigene Wohnung ist eine vertraute und geschützte Umgebung, die weniger Hemmschwellen aufbaut als Workshop-Settings außerhalb des gewohnten Arbeitserlebens
  • Nebengespräche sind im Online-Format kaum möglich
  • Impulsives Durcheinandersprechen kann durch die Moderatorenrolle per einfachem „Stummschalten“ aufmerksamkeitsstark und trotzdem minimal-invasiv beendet werden
  • Kommunikation auf Augenhöhe per Webcam wird quasi körperlich erlebbar, und auf den gemeinsamen Dialog eher destruktiv wirkende Elemente formaler Macht werden durch die räumliche Distanzierung zumindest partiell nivelliert
  • Neue, digitale Dialogformate sprechen Kompetenzen von Mitarbeitenden an, die sich bisher weniger eingeladen gefühlt haben

Hilfreiche Maßnahmen für Online-Workshops

  • Klare Zuordnung einer Moderationsrolle
  • Zugänglichkeit des Online-Meetingraums vor Beginn — auch ohne Moderator — öffnet einen Raum für sozialen Austausch und erste Orientierung
  • Vereinbarung von Kommunikations- und Pausenregelungen zu Beginn
  • Einladung zu individuellen Mikropausen (Augen in die Ferne schweifen lassen, kleine Bewegungen, bewusstes Atmen)
  • Wechsel zwischen Plenum und Kleingruppen durch Nutzung von Break-out-Sessions
  • Integration spielerischer Elemente (Reaktions-Buttons, kleine Umfragen per Mentimeter o.ä.)
  • Als Moderator in die Break-out-Räume gehen, um bei inhaltlichen oder technischen Fragen präsent zu sein
  • Co-Moderation nutzen, um der Mehrfachbelastung durch Technik, Teilnehmer, inhaltliche Resonanz und Dokumentation zu begegnen
  • Gemeinsame Arbeit auf Whiteboards der Konferenztools oder parallel eingesetzter Tools wie Miro

Sicher haben Sie auf Basis Ihrer eigenen Erlebnisse auch ganz eigene Tipps & Tricks für erfolgreiche Online-Workshops. Ich freue mich jedenfalls ebenso auf die Wiederkehr persönlicher Workshop-Erfahrungen im buchstäblich gleichen physikalischen Raum wie auf weitere neue Online-Erfahrungen. Und ich hoffe, dass wir nach dieser Krise nicht einfach zur bisherigen sogenannten Normalität zurückkehren, sondern die hilfreichen Erfahrungen nachwirken lassen.

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Tobias Dech

Tobias, Jg. 1976, Diplom-Pädagoge · Organisationsbegleitung, Coaching, Facilitation, Visualisierung

Tobias ist Experte für Ambivalenzmanagement — und einer der wenigen Berater, die Kampfkunst, Pädagogik und Humor in einen Raum bringen. Mit praxiserfahrenem Blick als Coach, Berater, Trainer und Mediator begleitet er Menschen und Organisationen auf ihrer Entwicklungsreise.

Was ihn auszeichnet: Er meistert Herausforderungen spielerisch — und macht durch Visualisierung sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt.