Bei gesellschaftlichen Themen wie Corona, Migration oder Klimawandel ebenso wie bei vielen alltäglichen Themen mit Konfliktpotenzial im beruflichen und privaten Umfeld können wir ein Phänomen beobachten: die Schwierigkeit, Dialoge auf Augenhöhe zu führen, die Begegnung, Beziehung und Entwicklung ermöglichen. Stattdessen beschreiben Polarität, Erstarrung oder unzulässige Reduktion komplexer Sachverhalte auf linear-kausale Antworten das Spielfeld. Die Idee eines systemischen Corona-Spielbretts will im Sinne einer spielerischen Intervention helfen, Dialogräume wieder zu öffnen.
Das Spielfeld
Es scheint halbwegs gesichert zu sein, dass eines der Symptome einer COVID-19-Infektion der Verlust der Fähigkeit zu schmecken ist. Ein weiterer, angesichts Corona zu beobachtender Verlust scheint der Verlust der Dialogfähigkeit zu sein. Wozu sollten auch zwei Personen miteinander in den Austausch gehen, wenn die eine das Erleben hat, von der anderen für einen Covidioten gehalten zu werden, und die andere empfindet, als Steigbügelhalter einer grundrechtsberaubenden Corona-Diktatur geschmäht zu werden?
Dort wo nahezu fundamentalistisch zwischen Schwarz und Weiß unterschieden wird, bleibt kein Raum für Grautöne, die einen gemeinsamen Dialog unterstützen könnten. Das systemische Corona-Spielbrett ist ein Angebot, Dialogräume wieder zu öffnen. Haltungsprämisse — übrigens ebenso wie bei unserer Arbeit als Organisationsgärtner und Coaches — ist die unbedingte Würdigung, dass jedes Verhalten und jede Entscheidung aus der Perspektive der jeweiligen Person plausibel, nachvollziehbar und damit verstehbar ist. Verstehbar grenzt sich dabei von „Verständnis aufbringen“ durchaus ab: Man kann versuchen, vieles zu verstehen, und muss bei weitem nicht für alles Verständnis haben.
Das Spielbrett
Dem Spielbrett liegen fünf Prinzipien zugrunde:
- Spiel statt Stress: Die Rahmung mit dem Spiel-Motiv kann in die Entspannung führen und das Gefühl von Starrheit aufweichen. Das möglicherweise vorhandene Gefühl eines dem Konflikt machtlosen Ausgeliefertseins wird ersetzt durch eine souveräne Beobachterposition.
- Bewegung statt Starre: Der Positionierungsraum im Zentrum des Spielbretts spannt einen Raum auf, der variabel Bewegung in verschiedene Richtungen ermöglicht. Die Spieler können sich und die Mitspieler flexibler und aktiver erleben.
- Bezogene Individuation: Der Kontext (Familie, Freunde, Kollegen, „Gesellschaft“) ist dauerhaft sichtbar vertreten. Durch die Ich-Positionierung im Verhältnis zum jeweiligen Kontext wird die eigene Position immer in relativem Bezug wahrgenommen — Autonomie und Beziehung werden gleichzeitig erfahrbar.
- Wahlmöglichkeiten: Die Spielsteine zeigen auf, dass wir Wahlmöglichkeiten haben — bei der Position unserer Spielfigur, bei der Bedeutung, die wir einer Situation geben, bei den Bedürfnissen, denen wir besondere Bedeutung geben wollen, und beim Verhalten, für das wir uns entscheiden.
- Wertschätzung: Insbesondere die Bedürfnis-Spielsteine sorgen dafür, dass Dimensionen gewürdigt werden, deren Nicht-Gesehen-Werden häufig Ursache erstarrender Dialoge ist.
Die Elemente des Spielbretts
Der zweidimensionale Positionierungsraum wird durch zwei Achsen aufgespannt: die empfundene Gefährlichkeit von COVID-19 und die empfundene Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen. Statt Wertungen der anderen Person stehen individuelle Einschätzungen im Vordergrund — der Fokus geht weg von der Person hin zu Beobachtungen und Einschätzungen.
Die Spielfiguren „Ich Erleben“ und „Umwelt/Kontext“ machen durch Verschieben die relative Position sichtbar: Der Abstand voneinander bzw. die Nähe zueinander wird deutlich. Bei ersten Spielversuchen hat sich gezeigt, dass das Betrachten unterschiedlicher Kontexte (Familie, Freundeskreis, Arbeitskollegen) und das damit einhergehende Umsetzen der Kontext-Spielfigur auch zu Veränderungen der eigenen Position führen kann.
Die Spielsteine kommen aus drei Kategorien: rote Bedeutungsgebung (Wirklichkeitskonstruktion), grüne Bedürfnisse und Motivationen sowie gelbe Spielsteine für die Verhaltensentscheidung. Sie versorgen einen selbst und mögliche Mitspieler mit Hintergrundinformationen dazu, wie es wohl zu der Positionierung gekommen ist — sie wird verstehbarer und besprechbarer. Joker gibt es natürlich auch, denn die vorgeschlagenen Spielsteine decken sicherlich nicht jedes individuelle Repertoire ab.
Das Spiel spielen
Das Spielbrett ist nutzbar für eine persönliche Reflexion des eigenen Verhaltens und Erlebens ebenso wie der Beziehungsdynamik mit verschiedenen Bezugsgruppen. Genauso kann man in Gruppen gemeinsam an einem Spielbrett arbeiten oder gleichzeitig jeweils eigene Spielbretter von mehreren Beteiligten füllen lassen und dann zum Dialog über die verschiedenen entstehenden Räume einladen.
Ein systemisches Spielbrett mit anderen Spielsteinen und anderen Achsen unterstützt übrigens auch Dialoge in ganz anderen Themenbereichen: Viele Entscheidungssachverhalte in Organisationen sind verknüpft mit Fragen nach Bedeutungsgebungen, Bedürfnisberücksichtigung und der Erhöhung von Wahlmöglichkeiten im Verhalten.
Wenn Sie das Spielbrett ausprobieren möchten: Einfach eine kurze Nachricht über das Kontaktformular — Sie erhalten dann einen Schnittbogen.
Viel Vergnügen beim Spielen und Gestalten von Dialogräumen!